Atemaussetzer beim Schlafen
 
Schon in den vorigen Jahrhunderten war in der Medizin ein Phänomen bekannt, das niemand recht zu erklären wusste: Es gibt Menschen, die ständig so müde sind, dass sie vom Fleck weg einschlafen. So taucht das Stichwort "Schlafsucht" bereits vor mehr als 400 Jahren im Kräuterbuch des Hieronymus Bock von 1577 auf, das 9 Rezepturen gegen diese Krankheit auflistet. 154 Jahre später stellt Jacobus Theodorus in seinem Kräuterbuch bereits 27 Arzneirezepturen zusammen, ein Hinweis dafür, dass die "Schlafsucht" nicht so selten gewesen sein kann.
 
Am eindrucksvollsten beschrieb Charles Dickens das Phänomen "Schlafsucht" in seinem Roman "Die nachgelassenen Aufzeichnungen des Pickwick Clubs", seinem Erstlingswerk, das 1836/37 in Fortsetzungen erschien und seinen Ruhm als zeitkritischer Satiriker begründete: Der völlig naive, exzentrische Möchtegernforscher Samül Pickwick, der seine Verwandtschaft mit Cervantes' Don Quijote nicht verleugnen kann, gründet mit drei Wissenschaftlern gleichen Schlages einen Club, der sich die Aufgabe gestellt hat, die britische Insel zu durchreisen und die dabei gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Fachwelt mitzuteilen. Auf ihrer 1. Forschungsreise schliessen die Mitglieder des Clubs Freundschaft mit einem gewissen Herrn Wardle, dem ein fettleibiger Jugendlicher mit schier unstillbarer Fresssucht als Diener zur Hand geht. Seine Bemühungen scheitern allerdings häufig daran, dass er von einem unbändigen Schlafdrang überfallen wird. Wardle charakterisiert ihn Pickwick gegenüber mit den Worten: "Er schläft den ganzen Tag. Er schläft beim Gehen ein und schnarcht, wenn er bei Tisch serviert."
 
Übergewicht, unüberwindliche Müdigkeit und Schnarchen: Dickens muss Zeitgenossen mit diesen Symptomen gekannt haben, denn auch in zwei weiteren seiner Romane taucht diese Symptomatik auf.
 
Erst 120 Jahre nach erscheinen der Pickwick Papers erkannte die medizinische Wissenschaft, dass sich hinter dieser Symptomatik ein eigenständiges Krankheitsbild verbirgt, bei dem irgend etwas mit der Atmung nicht richtig funktionierte. Der amerikanische Forscher C. Sidney Burwell beschrieb es 1956 und nannte es Pickwick Syndrom.
 
Damit war die systematische Erforschung der Krankheit eingeläutet. Schon 9 Jahre später war der Schlüssel zum Verständnis des Krankheitsbilds gefunden: Man konnte nachweisen, dass bei Patienten mit Pickwick-Syndrom während des Schlafs im Minutentakt Atemaussetzer auftraten, die jeweils durch explosionsartig einsetzendes Schnarchen beendet wurden. Mit dieser Entdeckung erhielt das Krankheitsbild seinen auch heute noch gültigen Namen: Schlafapnoe-Syndrom (apnoe stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Windstille, Atemstillstand").
 
aus P. Hannemann "Schlafapnoe-Syndrom und Schnarchen, Jopp-Ösch 2000
 
 
Falls Sie sich diesen Artikel ausdrucken lassen wollen benutzen Sie bitte die
Auswahl Druckansicht
 
zurück zur Themenauswahl
 
Lebensbaum